Familie

I. Der Vorrang der Familie vor dem Staat

Meinungsumfragen in Deutschland zeigen regelmäßig, dass sich drei Viertel der Deutschen ein "glückliches Familienleben" wünschen, und dass eine Mehrheit die Auffassung vertritt, man brauche eine Familie zum Glück. Die Antwort auf die Frage, was eine Familie überhaupt sei, scheint aber schwieriger geworden zu sein.

"Grundsätzlich wird … unter Familie eine Gruppe verstanden, in der ein Ehepaar mit seinen Kindern zusammenlebt. Diese reine Eltern-Kinder-Gemeinschaft ('Kernfamilie') stellt eine soziale Gruppe besonderer Art dar, gekennzeichnet durch eine biologisch-soziale Doppelnatur und eine in anderen sozialen Gruppen in diesem Umfang nicht anzutreffende 'Totalität' der sozialen Beziehungen." (1. Familienbericht des Bundesministeriums für Familie und Jugend, 1968, S. 7)

Demgegenüber betont der "Siebte Familienbericht", 2006 vom "Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend" veröffentlicht, die "Pluralisierung von Lebensläufen und Lebensformen". Gleichwohl hält auch dieser Bericht fest: "Kinder können sich dann am besten entwickeln, wenn sie in einer Familie aufwachsen, in der die Eltern ihnen die Möglichkeit zu engen und vertrauensvollen Bindungen mitgeben und ihnen gleichzeitig die Chancen eröffnen, schrittweise, entsprechend ihrer eigenen Entwicklung, die Welt der Familie, der Freunde, der Nachbarschaft und der Gemeinde zu entdecken. In diesem Sinne stellen die Eltern die wichtigste Ressource für die kindliche Entwicklung dar." (S. 159).

Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland folgt den Erkenntnissen der christlichen Soziallehre über den natürlichen Vorrang der Familie vor Gesellschaft und Staat, wenn es in Artikel 6 formuliert: "(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung. (2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht?".

Die Familie ist aber nicht nur gegenüber den Kindern vorrangig vor anderen gesellschaftlichen Größen, sondern formt auch die Gesellschaft selbst: „Eine nach dem Maßstab der Familie gestaltete Gesellschaft ist der beste Schutz gegen jegliche individualistische oder kollektivistische Verirrung, denn sie stellt immer die Person, und zwar nicht als Mittel, sondern als Zweck, ins Zentrum der Aufmerksamkeit.", heißt es im "Kompendium der Soziallehre der Kirche". Die Erfahrung lehrt, dass die Familie einerseits der Gesellschaft Stabilität und andererseits der Person Beheimatung und Sicherheit gibt. Umgekehrt wirkt sich die Instabilität der Familie sowohl auf den einzelnen Menschen als auch auf die gesamte Gesellschaft destabilisierend aus.


II. Instabilität und Probleme der Familien

Nicht zuletzt durch politische, wirtschaftliche, finanzielle und rechtliche Rahmenbedingungen sind die Familien in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zunehmend instabil geworden. Immerhin leben in den westlichen Bundesländern Deutschlands noch 81 % der 12,5 Millionen Minderjährigen in einer Familie mit Mutter und Vater, 14 % wachsen bei Alleinerziehenden auf, 5 % in nichtehelichen Lebensgemeinschaften. In den östlichen Bundesländern wachsen nur 62 % der 2,2 Millionen Minderjährigen in einer Familie auf, 22 % bei Alleinerziehenden und 16 % in nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Gleichzeitig verbringen ein Fünftel aller Kinder in den alten, und ein Drittel aller Kinder in den neuen Bundesländern ihre Kindheit nicht mit ihren beiden leiblichen Eltern. Der ?Siebte Familienbericht? schreibt dazu: "Eine Scheidung der Eltern impliziert Veränderungen und Stressoren für Kinder und wird zu den am meisten belastenden Lebensereignissen für Kinder gezählt." (S. 119).

Eine Dimension der wachsenden Kinderlosigkeit und zunehmenden Instabilität der Familien ist steuerrechtlicher und finanzieller Natur. Der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts Prof. Dr. Paul Kirchhof beschreibt "Defizite bei der familiengerechten Besteuerung": "Das Bundesverfassungsgericht hat in vielen Entscheidungen Schritt für Schritt darauf hingewirkt, dass das Steuerrecht den existenznotwendigen Bedarf in Ehe und Familie angemessen berücksichtigt. Der Steuergesetzgeber wahrt zu wenig die existenzsichernde Funktion des Einkommens, das der Erwerbstätige vor allem erwirbt, um daraus seinen Existenzbedarf und den seiner Familie zu finanzieren." (Paul Kirchhof: "Der sanfte Verlust der Freiheit", Carl Hanser Verlag, München-Wien 2004, S.27).


III. Die demographische Krise

Deutschland hält, wie der Demograph Prof. Dr. Herwig Birg formuliert, "drei demographische Weltrekorde: Es ist erstens das Land, in dem die Bevölkerungsschrumpfung infolge der niedrigen Geburtenrate am frühesten begann, in den alten Bundesländern 1972, in den neuen 1969. Zweitens: Die Geburtenrate beträgt bei der deutschen Bevölkerung zwar wie in Spanien, Italien und anderen Ländern rund 1,2 Geburten pro Frau, bei der zugewanderten rund 1,9 und im Durchschnitt… 1,3 bis 1,4, aber der Grund für das niedrige Niveau ist ein besonderer: der weltweit einmalig hohe Anteil der Frauen (und Männer) an einem Jahrgang, die zeitlebens kinderlos bleiben – etwa ein Drittel. Drittens: Stärker als in anderen Industrieländern werden fehlende Geburten durch Einwanderungen ersetzt". (Herwig Birg: "Die ausgefallene Generation", S.33).

Von 1965 bis 1975 fiel die Geburtenrate von 2,3 Kindern pro Frau auf ca. 1,35, wo sie seitdem stagniert. Wurden 1965 noch 1,33 Millionen Kinder in Deutschland geboren, waren es im Jahr 2005 nur mehr 690.000. 30 % der 1965, auf dem Gipfel des Babybooms, geborenen Deutschen bleibt lebenslang kinderlos. Bei den 1935 Geborenen waren es nur 9 %.

Gleichzeitig nahm die Armut der Kinder in der kinderarmen Gesellschaft zu: 1965 bezog jedes 75.Kind unter sieben Jahren Sozialhilfe, im Jahr 2004 jedes siebte. In der selben Zeit stieg die Müttererwerbsquote um 60 %.

Die EU-Kommission hat am 16.3.2005 in einem Grünbuch "Angesichts des demographischen Wandels" festgestellt: "Die Bevölkerung der Union dürfte bis 2025 nur noch leicht anwachsen, und dies v.a. dank der Zuwanderung, um danach zu schrumpfen: 458 Millionen Einwohner im Jahre 2005, 469,5 Millionen im Jahre 2025 (+ 2%), dann 468,7 Millionen im Jahre 2030." Die Folgen dieser demographischen Entwicklung sind zunächst ein wachsendes Missverhältnis zwischen den Erwerbstätigen und den aus dem Erwerbsleben Ausgeschiedenen, und in dessen Folge sinkende Steueraufkommen und sinkende Wirtschaftskraft bei gleichzeitig steigenden Kosten für Renten, Pflege und Gesundheit.


IV. Literatur:

  • Johannes Paul II., "Familiaris consortio" (Apostolisches Schreiben über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute), Rom am 22.11.1981.
  • Herwig Birg, "Die demographische Zeitenwende. Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa", München 2001.
  • Herwig Birg, "Die ausgefallene Generation. Was die Demographie über unsere Zukunft sagt", München 2005.
  • Frank Schirrmacher, "Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft", München 2006.
  • Stephan Baier, "kinderlos. Europa in der demographischen Falle", Aachen 2004.
  • Rainer Beckmann/ Mechthild Löhr/ Stephan Baier (Hg.), "Kinder: Wunsch und Wirklichkeit", Krefeld 2006.